03 · Engineering
Warum im Spätdienst niemand weiß, warum diese Aufgabe existiert
· 6 Min. Lesezeit
Heute
Im Plan steht: „Engmaschige Kontrolle, Frau Berger.“ Fällig heute, Spätdienst.
Die Kraft, die das liest, war gestern nicht im Dienst. Um zu verstehen, was gemeint ist, hat sie drei Möglichkeiten: im Berichteblatt zurückblättern und hoffen, dass jemand etwas geschrieben hat. Die Übergabe durchlesen. Oder jemanden fragen, der da war.
Alle drei kosten Zeit, und die dritte kostet zusätzlich die Zeit der Kollegin. Wenn keines davon zum Ziel führt, wird die Aufgabe trotzdem abgehakt. Nur eben ohne zu wissen, worauf zu achten war.
Warum das bestehende Modell dieses Problem erzeugt
In den meisten Systemen ist die Herkunft einer Aufgabe entweder gar nicht erfasst oder sie steht als Text daneben: „entstanden aus Sturzmeldung vom 3.9.“
Das liest sich gut und hilft im entscheidenden Moment nicht. Es ist eingefrorener Text. Man kann nicht darauf tippen. Wird der ursprüngliche Eintrag später korrigiert, weiß die Notiz nichts davon. Und geschrieben wird sie ohnehin nur, wenn jemand im Frühdienst die Zeit hatte, sie zu tippen.
Der tiefere Grund ist derselbe wie überall in diesem Bereich: Wenn Dokumentation und Aufgaben getrennte Bereiche sind, gibt es zwischen ihnen keine Verbindung, sondern nur die Möglichkeit, eine zu beschreiben.
Was wir anders entschieden haben
Bei uns trägt eine Aufgabe keine Beschreibung ihres Anlasses, sondern einen echten Verweis darauf. Man geht den Weg zurück, statt ihn zu lesen.
Und dieser Verweis entsteht nicht durch einen zusätzlichen Handgriff, sondern dadurch, dass die Aufgabe aus der bestätigten Beobachtung hervorgeht. Wer nichts extra tut, bekommt die Verbindung trotzdem.
Die Herkunft einer Aufgabe, in der Leserichtung der Pflegekraft: Die Aufgabe engmaschige Kontrolle verweist auf den Übergabepunkt, der Übergabepunkt verweist auf die Beobachtung, einen Sturz im Bad in der Nachtschicht mit Handzeichen. Die Kontrolle wird mit Handzeichen abgeschlossen. Darunter der Fall aus Altdaten: eine importierte Aufgabe ohne Verweis endet sichtbar bei kein Anlass hinterlegt, statt dass ein Anlass erraten wird.
Aufgabe
Der Spätdienst sieht die Aufgabe: engmaschige Kontrolle, fällig heute. Sie kennt ihren Anlass als Verweis, nicht als Notiz daneben. Ein Tipp geht den Weg zurück, statt ihn zu lesen.
Was das verändert
- Systementscheidung
- Herkunft ist eine Verbindung zwischen Einträgen, keine Beschreibung daneben, und sie entsteht automatisch beim Bestätigen.
- Technische Konsequenz
- Aus jedem Arbeitsobjekt lässt sich der Anlass öffnen, und zwar der Eintrag selbst und nicht eine Zusammenfassung davon. Ändert sich der Ursprung, ändert sich, was man dort sieht.
- Im Dienst
- Die Kraft im Spätdienst tippt auf die Aufgabe und sieht: Sturz im Bad, Nachtschicht, 2:40 Uhr, dokumentiert von einer namentlich genannten Kollegin. Sie weiß jetzt, worauf sie achten muss, ohne jemanden anzurufen.
- Für die Einrichtung
- Weniger Rückfragen zwischen Schichten. Und bei einer Prüfung ist die Frage „warum wurde das gemacht?“ keine Rekonstruktionsarbeit, sondern eine Abfrage.
Der unbequeme Teil: „nicht belegt“ muss sagbar sein
Kein Haus startet auf der grünen Wiese. Es gibt Altbestände, importierte Daten und Fälle, in denen schlicht nichts dokumentiert wurde.
Eine Herkunftsanzeige muss deshalb von Anfang an sagen können, dass sie nichts weiß. Wenn sie das nicht kann, wird sie zwangsläufig etwas erfinden, und zwar genau dann, wenn es darauf ankommt.
Eine plausible Herkunft ist in einem Dokument mit Beweiswert schlimmer als gar keine.
Damit hängt eine zweite Entscheidung zusammen, die uns wichtiger ist als sie klingt: Wir verbinden nichts über Textähnlichkeit. Zwei Einträge mit dem Wort „Sturz“ am selben Tag bei derselben Bewohnerin gehören nicht deshalb zusammen. Zwei Stürze an einem Tag sind kein Datenfehler, sondern ein Pflegeproblem, und ein System, das sie zu einem zusammenfasst, löscht die wichtigste Information.
Herkunft ist bei uns keine Anzeige, sondern eine Eigenschaft der Daten. Warum wir Pflege überhaupt so modellieren, steht in Warum Dokumentation nicht das Ende der Pflegearbeit sein sollte.